Man kommt auf keinem Weg an ihnen vorbei: An den Persönlichkeitstests in Jugend- und Frauenzeitschriften. An den „Retreats“, bei denen man schweigend oder hart arbeitend mehrere Tage im Kloster verbringt. Und an den Yogakursen und Selbstfindungsworkshops, deren Broschüren an allen Orten ausliegen, an denen Frau sich nun mal herumtreibt.

Alle haben sie eines gemeinsam: Sie sollen uns den Weg zu uns selbst eröffnen. Nun werde ich mich nicht dazu hinreißen lassen eine subjektive Wertung auszusprechen, denn, wie heißt es so schön: „leben und leben lassen“. Meine Gedanken mache ich mir aber trotzdem zu diesem Phänomen, das ich nun ganz ungeniert beim Namen nennen will: Heute geht es um die Selbstfindung.

Die prototypischen Selbstfindungsphasen

Wer sich mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, oder in seinem alltäglichen Umfeld so sehr damit konfrontiert ist, dass er gar nicht anders kann, der muss sich zuerst mit einem sehr missverständlichen Begriff beschäftigen. Wieso sollten wir uns denn finden müssen, wo wir doch genau genommen in uns drin stecken und gar nicht die Möglichkeit haben, uns überhaupt von unserem Selbst zu distanzieren (auch wenn wir uns das an manchen Tagen vielleicht kurzfristig wünschen würden).

Aber die Frage, wohin es mit uns gehen soll, die kennen wir vermutlich alle. Gemeinhin tritt dieses „Wer-bin-ich-und-was-will-ich-überhaupt“-Gefühl zum ersten Mal in der Pubertät auf. Beliest man sich ein wenig über diese Thematik, so steht angeblich die Abgrenzung der eigenen Person von der Gesellschaft im Mittelpunkt. Meines Erachtens passiert dies noch viel stärker während der „wilden 20er“. Ist die Schulzeit erst mal vorbei, fällt es dem ein oder anderen doch recht schwer, sich auf einen beruflichen Werdegang festzulegen. Andere demonstrieren währenddessen lautstark gegen bestehende Regeln. Doch wer glaubt, danach werde alles besser, der befindet sich auf dem Holzweg.

Mit dem Alter kommt die Reife – So ein Quatsch!

Nun wird ja uns Frauen in den besten Jahren gerne nachgesagt, wir seien wieder so sprunghaft wie Teenager. „Kann es genug sein, sich für die Rolle der Familienmutter entschieden zu haben?“ „Hätte ich nicht doch Saxophon lernen und eine begnadete Jazzmusikerin werden sollen?“ „Sollte ich mit mehr Achtsamkeit und buddhistischer Ruhe durch mein Leben gehen?“ Wir alle haben diese eine Bekannte, die gerade mal wieder dabei ist, sich neu zu erfinden. Falls nicht, bist du vielleicht selbst diese Person. Manchmal werden diese Frauen belächelt. Ihnen wird vorgeworfen, sie würden mit dem Alter nicht zurechtkommen, würden „Torschusspanik“ bekommen. Ich sage euch: So ein Quatsch!

Was soll denn so toll daran sein, sich selbst zu finden?

Natürlich ist es schön zu wissen, was man selbst gerne mag, was man kann und was einen erfüllt. Voraussagen zu können, auf welche spitzfinden Kommentare man gekränkt reagieren wird und was einen am besten tröstet. Und ja, wir alle wünschen uns Erfüllung durch unseren Beruf oder ein ausgeprägtes Hobby. Aber wollen wir nicht auch bei der Selbstfindung den weit verbreiteten Hinweis „Der Weg ist das Ziel“ nutzen? Ich kenne mich selbst nun schon ein paar Jahre. Ob ich mich gänzlich „gefunden“ habe? Keine Ahnung! Aber ich genieße es, mich ständig neu zu erfinden, bisher Fremdes kennenzulernen und auszuprobieren. Das erhält die Spannung und erweitert den eigenen Horizont. Und dabei lasse ich mir bestimmt von niemandem reinreden. 

Wenn ihr Lust dazu habt, besucht Selbstfindungsseminare und stellt euch – gerüstet mit Stift und Papier – die wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Wenn ihr dadurch tatsächlich Zugang zu eurem vorbestimmten Schicksal und eurem wahrhaftigen Selbst findet, lasst es mich wissen. 

Ich verbleibe bis dahin mit Entdeckerfreude und gewohnter Neugierde.

Vertraut einfach auf eure innere Stimme, zerbrecht euch nicht eure hübschen Köpfe und lebt euer Leben genauso, wie es euch gerade gefällt! Denn ich glaube fest daran, wenn wir das alle öfter beherzigen, werden wir von ganz alleine zufriedenere mit uns selbst…